Ein halbes Jahr nach Katrina waren wir in New Orleans zu Besuch. Damals habe ich einen Stimmungsbericht für unsere HP geschrieben, den vielleicht mancher noch nicht kennt und der gut in die Zeit passt.
Here it is:
24.Tag: New Orleans- was ist aus Dir geworden?
Ich teile New Orleans in drei Teile ein:
- Den Teil im Westen, der unmittelbar am Mississippi River liegt
- Den Teil French Quarter, Garden District und Business District
- Den Teil mit den östlichen Vierteln bis zum Lake Pontchartrain
Grundsätzlich liegt den Westteil ca. 8 Fuß oberhalb Meeresspiegel und die Deiche, die die Wohngebiete vor dem Mississippi River schützen, haben weitestgehend gehalten. Wasserschäden waren in dieser Gegend eigentlich kein Thema. Der Wind hat, je weiter man vom Damm weg in Richtung I 10 kommt, an den Häusern und speziell an deren Dächern unterschiedlich starke Spuren hinterlassen. Die Leute hier waren 3 Wochen ohne Wasser und Strom und einige Besitzer haben trotz der Aufforderung zur Evakuation ihre Häuser nicht verlassen, um sie vor Plünderungen zu schützen. Das hat sich am Ende als richtig erwiesen, weil ungeschützte Häuser einfach überfallen wurden. Die Entbehrungen, die die Leute auf sich nehmen mussten, waren immens, für uns eigentlich unvorstellbar. Sie hatten nach wenigen Tagen ihre Flaschengasvorräte aufgebraucht und konnten nur das Essen, was sie in Dosen und aus aufgetauten Kühltruhenbeständen noch verwenden konnten. Und das alles kalt. Ihre Notdurft verrichteten sie in ausgegrabenen Löchern im Garten. Aber im Gegensatz zu vielen anderen konnten sie ihre Häuser retten und konnten überleben.
Dieses Viertel weist heute, ein knappes halbes Jahr nach der Katastrophe, nur an den Stellen Schäden aus, wo Dächer mit blauen Plastikfolien immer noch behelfsmäßig abgedichtet sind. Warum diese Provisorien immer noch Bestand haben, ist relativ einfach erklärt: Es mangelt an Leuten, die handwerklich in der Lage sind, die Dächer zu reparieren. Diese Probleme werden wir auch nachher wieder antreffen, wenn es um die Armenviertel im Osten geht. Es sind aber auch Häuser wie das Motel6 am Flughafen betroffen, das noch immer nicht vollständig instand gesetzt werden konnte. Hier kann erstmals der These widersprochen werden, dass nur die Häuser der schwarzen und armen Bevölkerung verfallen, es sind durchaus auch die Häuser von Leuten oder Firmen, die eigentlich das Geld für die Reparatur haben, von der Situation betroffen.
Ein Bewohner schilderte im Gespräch die Sache so: „Wir haben in den letzten 50 Jahren Hurricanes kommen und gehen gesehen. Sie sind bis auf ganz wenige Ausnahmen immer rechts oder links, oben oder unten, an uns vorbei gezogen. Dieses mal hat man uns auch wieder zum Abhauen aufgefordert. Niemand hat geglaubt, dass es so weit kommen würde. Erst als es wirklich brisant wurde, es aber schon zu spät war, erkannte man den Ernst der Sache. Dann wollten viele raus. Aber immer noch nicht alle. Die Leute in den Ostvierteln, die nicht 8 Fuß über, nein 8 Fuß unter dem Meeresspiegel lebten, hatten gar keine Gelegenheit, aus ihren Häusern zu kommen, erst recht nicht mehr, als sie den Ernst erkannt hatten. Dann waren aber auch schon die Transportmöglichkeiten, wie die Schulbusse, zum Großteil abgesoffen. Es war wie ein Schneeballsystem, das sich selbst in Gang gesetzt hatte, und nun von selbst weiter lief. Als nach vielen Tagen die Straßen wieder trockener wurden, waren aus den Wohngebieten Geisterstraßen geworden. Die Häuser, ganz egal, ob schöne Stadthäuser der wohlhabenden Leute, oder die kleinen und schäbigen Buden der armen schwarzen Bevölkerung, standen und stehen immer noch zum Großteil leer. Wer konnte, hatte das Weite gesucht. Viel sind dort geblieben, wo sie nach der Katastrophe strandeten, denn sie hatten ja eh alles verloren und konnten dort versuchen, neu zu beginnen. Dadurch fehlten auf einen Schlag unglaublich viele Leute, um relativ einfache Arbeiten durchzuführen. Alleine in Baton Rouge hat sich bis heute die Zahl der Einwohner um 150.000 erhöht. Das ist nicht nur ein riesiger Aderlaß für New Orleans, auch die Hauptstadt von Louisiana hat daran zu knabbern.“
Das war, wie gesagt, nicht meine persönliche Meinung, sondern ein Auszug aus einem Gespräch mit einem Bürger von NO.
Der zweite Teil der Stadt, Das French Quarter, der Business District und der Garden District, waren vom Wasser mehr oder weniger stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Sie waren allerdings die Teile, die sehr schnell aus vielerlei Gründen, für Außenstehende manchmal unverständlicherweise, hergerichtet wurden. Es liegt und lag natürlich im Interesse der Geschäftswelt, das Leben in der Stadt möglichst schnell wieder zum Laufen zu bekommen. Es war in allererster Linie Initiative der ortsansässigen Leute, das System wieder hinzukriegen, nicht von Seiten der Stadt.
Ein Teil von New Orleans, bei dessen Anblick Hoffnung aufkommt, ist der Superdome, den man eigentlich abreißen wollte, weil er von der aufgenommenen Obdachlosenschar in einen Zustand versetzt wurde, der eine Renovierung eigentlich als sinnloses Unterfangen erscheinen ließ. Man hat den Dome in seinem Innenleben praktisch völlig erneuert und alle defekten Sanitäranlagen und die Boden- und Tribünenanlagen ersetzt. Jetzt sagen vielleicht manche Leser, man hätte besser die Armenviertel unterstützt, aber der Dome ist öffentlich, die Häuser sind privat. Ein renovierter Super Dome könnte aber auch in der Zukunft, wenn wirklich einmal wieder Unterkunft benötigt wird, gute Dienste leisten, ein abgerissener Dome sicher nicht.
Jedenfalls freuen sich viel Bürger auf den 24. September, wenn sie wieder „GO GIANTS“ rufen können.
Wenn man wieder mit der Bevölkerung über die Fehler spricht, die bei der Bewältigung der Krise gemacht wurden, bekommt man aus meiner Sicht manche überraschende Antwort. Sogar ansonsten eher dem demokratischen Lager zuzuordnende Personen verteufeln nicht das, was von Seiten der Bush Administration getan wurde, sondern schieben den schwarzen Peter eher dem Bürgermeister und der Gouverneurin zu, die offensichtlich auf Zeit gespielt hätten und die Leute zu lange in ihrem guten Glauben auf ein gutes Ende verharren ließen.
Der letzte Teil in meiner Stadtgliederung, der östliche Bezirk, ist derjenige, der uns bei unserer Fahrt durch diesen, traurig und betroffen machte. Über 90% der Häuser, egal ob von reichen Leuten, oder schwarze Armenviertel sind verlassen. Im Rest wird mit Hochdruck gearbeitet. Es stehen jede Menge Wohnwagen und Mobile vor den Ruinen, in denen die Leute hausen und an den Häusern arbeiten. Wir hielten an einem Lowes Baumarkt an, um uns vom Warenangebot ein Bild machen zu können. Das Angebot war recht gut, auffällig war die riesige Masse Menschen, die volle Einkaufswagen mit allen möglichen Baumaterialien vor sich her schoben. Die Frage: „Ist New Orleans eine vergessene Stadt?“ kann aus meiner Sicht nicht mit Ja beantwortet werden. Die Armen haben alle unbewohnbaren Häuser verlassen und werden auch nicht mehr wieder kommen. Nur was soll die Stadt damit machen? Wegschieben kann man nicht so einfach, weil irgendjemandem gehören die Anwesen ja schließlich. Den Unrat auf den Straßen versuchen Arbeiter der Stadt in den Griff zu bekommen. Nur da, wo man heute wegräumt, liegt morgen doppelt so viel neuer Müll. Eine Sysyphusarbeit. Unter den Straßenbrücken sind wahre Halden von nicht mehr wieder instandzusetzenden Autos getürmt, vor dem Ereignis waren sie sicher viele 100.000$ wert, jetzt ist alles Schrott. Keiner kümmert sich darum, sie wegzuschaffen. Wenn sie von der Stadt entsorgt werden, ist es im Prinzip Diebstahl. Vielleicht kommen eines Tages wieder Schrotthändler in die Stadt und nehmen sie einfach mit.
Es wird Jahre dauern, um Big Easy wieder zu dem zu machen, was es einmal war, falls das überhaupt jemals möglich sein wird. Das bedrückendste Plakat, das wir auf unserer Reise durch den zerstörten teil der Stadt sahen, hatte folgende Aufschrift:
“Goodbye, N´awlins! We´ll miss you!”
Dem können wir uns nur anschließen!
Die Bilder konnte ich leider nicht kopieren, man kann sie auf unserer HP anschauen:
http://www.klausk.homepage.eu/link_35136208.html